Die Bibel der Anderen

Eine siebenteilige Gottesdienstreihe

Jeweils 17-00 Uhr in der Eisenacher Nikolaikirche

Als Martin Luther vor 500 Jahren das Neue Testament in die deutsche Sprache übersetzte, hatte er im Blick, dass die Bibel für alle Menschen erreichbar und verstehbar sein sollte.

Die Bibel hat sich seither über die ganze Welt verbreitet in mannigfaltigen Übersetzungen. Aber nicht nur Christen haben die Bibel gelesen und sind von ihr beeindruckt. Auch Menschen anderer Religionen setzen sich bis heute mit ihr auseinander.

In einer siebenteiligen Gottesdienstreihe werden Bibelauslegungen zu Gehör gebracht, die von Menschen aus anderen Religionen stammen. Wie schauen sie auf diese Schrift, von der wir Christen meinen, sie sei die „unsere“?

Es ist ein Stück der Faszinations-geschichte der Heiligen Schrift, das da erlebt werden kann: Es wird über die Bibel gestaunt, sie wird reklamiert, sie wird kritisiert und sogar gegen die Christen verteidigt von Stimmen aus Judentum, Islam, Hinduismus und indigener Tradition.

15. Mai 2021: Adele Reinhartz

macht Schluss mit Johannes

Adele Reinhartz (*1953) ist eine kanadische jüdische Bibelwissenschaftlerin, die sich mit einen Schwerpunkt ihrer Arbeit jahrelang mit dem Johannesevangelium beschäftigt hat. Dieser neutestamentliche Text hat sie durch seine Sprachmächtigkeit und seine Vielschichtigkeit in seinen Bann gezogen. Im Laufe der Jahrzehnte und über mehrere Veröffentlichungen hat sie sich aber immer mehr mit der Darstellung der „Juden“ im Johannesevangelium beschäftigt. Vor zwei Jahren hat sie sich endgültig von Johannes verabschiedet. Sie ist zu der Überzeugung gekommen, dass dieses Evangelium immer wieder Antijudaismus benutzt, um seine Theologie darzustellen und Spannung aufzubauen.

Wir hören auf ihre Reflexionen über dieses „Schlussmachen“ mit Johannes.

12. Juni 2021: Navid Kermani

Ungläubiges Staunen

Navid Kermani (*1967) ist ein deutscher Muslim, Orientalist und Schriftsteller. Sein Werk ist sehr vielseitig und reicht von Romanen bis hin zu politischen und philosophischen Essays. Er hat vielerlei Literatur- und Kulturpreise gewonnen, wurde sogar als Kandidat für die Bundespräsidentschaft vorgeschlagen. Immer wieder stechen seine Versuche heraus, aus einer muslimischen Sicht Darstellungen der Kreuzigung Jesu zu bewältigen und zu verarbeiten.

In seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ betrachtet er christliche Kunstwerke aus verschiedenen Jahrhunderten, und vor allem die Darstellung biblischer Szenen und seine Gedanken dazu sollen unsere Aufmerksamkeit finden.

3. Juli 2021: Swami Vivekananda

Der Christus, den wir verehren

Swami Vivekananda (1863-1902) war ein hinduistischer Mönch, Swami und Gelehrter. 1893 trat Vivekananda auf dem Parlament der Weltreligionen in Chicago auf und erregte Furore mit seiner Darstellung des Hinduismus als philosophisch-spiritueller Weltreligion, die offen sei für alle Menschen. In seiner Auslegung der Evangelien tritt uns Jesus als Mystiker, Große Seele und Gottesbote entgegen, der der Menschheit die Einheit von Gott und Mensch auszurichten hatte und es dabei verstand, auf die verschiedenen religiösen Entwicklungsstufen der Menschen einzugehen.

Den Vortrag „Der Christus, den wir verehren“ hat Vivekananda 1900 in Los Angeles vor christlichem Publikum gehalten.

4. September 2021: Robert Allen Warrior

Kanaanäer, Cowboys und Indianer

Robert A. Warrior (*1963) zählt sich zu einer der indigenen amerikanischen Nationen, zu den Osage-Indianern. Er ist Professor für amerikanische Literatur und Kultur an der Universität von Kansas in den USA. In seinem Nachdenken über die Stellung der indigenen Nationen in den USA und ihrer Kultur ist er immer wieder darauf gestoßen, dass christliche Kirchen nach einer Theologie für Indianer suchen, ähnlich wie es afroamerikanische oder lateinamerikanische Befreiungstheologien gibt.

In seinem Text „Kanaanäer, Cowboys und Indianer“ betrachtet er das zweite Buch Mose, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, auf kritische Weise und fragt danach, ob man dieses Buch auch aus der Sicht der Kanaanäer lesen könnte.

2. Oktober 2021: Benno Jacob

Der Turmbau zu Babel

Benno Jacob (1862-1945) war Rabbiner in Göttingen und Dortmund. Er gehörte der Strömung des liberalen deutschen Judentums an und hat sich intensiv mit der Auslegung der Torah beschäftigt. Sein Ziel war eine eigene moderne jüdische Exegese, die gegenüber der christlichen Bibelauslegung eigene Standpunkte vertritt. In der Auslegung der Mosebücher kritisierte er besonders die damals übliche Quellenscheidung – er suchte, den Text als Ganzes zu verstehen.

Wir hören auf seine Interpretation der Geschichte des Turmbaus zu Babel, die beweist, dass die Bibel auch feine Ironie und Witz kennt. Der Gottesdienst steht im Rahmen der Achavah-Festspiele 2021.

30. Oktober 2021: Rammohan Roy

Was Jesus wirklich sagen wollte

Rammohan Roy (1772/74-1833) war ein bengalischer hinduistischer Philosoph und Denker, dessen Ziel es war, den Hinduismus und die indische Gesellschaft seiner Zeit zu reformieren. Von christlichen Missionaren bekam er mitunter den Titel „der indische Luther“ angehängt, weil er seine Positionen mit lutherähnlicher Leidenschaft und Energie vertrat. Besonders wollte Rammohan Roy seine Landsleute davon überzeugen, dass der Hinduismus im Ursprung eine monotheistische Religion gewesen sei, und dass sie wieder zu der Verehrung eines einzigen Gottes zurückkehren sollten.

1820 kam er in Streit mit christlichen Missionaren, weil er begann, eine eigene Auslegung der Bibel vorzulegen, die er jenseits von traditioneller Dogmatik entwickelt hatte.

4. Dezember 2021: Sayed Ahmad Khan

Die Weisen aus dem Morgenland

Sayed Ahmad Khan (1817-1889) war ein indischer Muslim, der bis heute als Zentralfigur des Reformislam des 19. Jahrhunderts in Indien gilt. In seinem Denken und seinen Schriften suchte er neue Wege, die der Islam in der modernen Welt gehen konnte. Er war gleichzeitig der erste Muslim, der einen Bibelkommentar in Angriff nahm. Dieser Kommentar ist unvollendet und liegt nur in Teilen vor – auch deshalb, weil er weder bei Christen noch bei Muslimen in der damaligen Zeit Verständnis für dieses Projekt finden konnte.

Sayed Ahmad Khan bringt uns in seinem Matthäuskommentar seine Auslegung der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland entgegen mit einer überraschenden neuen Idee, was das für ein Stern gewesen sein könnte.