13.05.2013
Predigt von Prof. Dr. Bernd Oberdorfer am 4. Mai 2013

in der Wartburgkapelle in Eisenach anlässlich des Jahrestags von Luthers Ankunft auf der Wartburg

Liebe Gemeinde!
War Martin Luther tolerant? In einem furiosen Monolog hat sich der bayerische Kabarettist Gerhard Polt einmal satirisch an einer Definition von „Toleranz“ versucht und ging dabei von der Bedeutung des lateinischen „tolerare“ aus, das er hintersinnig mit „etwas aushalten“ übersetzte. Nun seien bekanntlich im Mittelalter, als man noch lateinisch sprach, viele Menschen gefoltert worden, und da sie dabei zweifellos „etwas aushalten“ mussten, seien diese Folteropfer im wahrsten Sinne des Wortes „tolerant“ gewesen.

Obwohl er nicht gefoltert wurde, musste Martin Luther sicher „einiges aushalten“. Der heutige Tag, der hiesige Ort, an dem wir seiner Ankunft hier auf der Wartburg vor 492 Jahren gedenken, ist ein guter Anlass, sich das erneut bewusst zu machen. Denn er kam ja nicht ganz freiwillig. Seit Jahresanfang 1521 kirchlich gebannt, stand er seit kurzem auch unter der Reichsacht, war „vogelfrei“. Für den Rest seines Lebens – immerhin fast 25 Jahre – war er so etwas wie ein steckbrieflich gesuchter Verbrecher und musste damit rechnen, festgenommen, der kaiserlichen Obrigkeit ausgeliefert, nach weltlichem und geistlichem Recht als Ketzer verurteilt und hingerichtet zu werden. Wenn ihn nicht sein Landesherr – Friedrich der Weise, später seine Nachfolger – geschützt hätte, wäre das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bald geschehen. Aber die politische Lage blieb ja unsicher. Mit dem Wormser Edikt waren auch alle Unterstützer Luthers verurteilt, und der Kaiser hatte deshalb das Recht, politisch und militärisch gegen den sächsischen Kurfürsten vorzugehen. Dass dies dann erst nach Luthers Tod – wenige Monate nach Luthers Tod – geschehen würde, konnte man ja nicht wissen, und so lebte Luther 25 Jahre lang unter permanenter Bedrohung und konnte sich nur auf kursächsischem Gebiet relativ sicher fühlen. Sein Bewegungsspielraum war auf einen kleinen Radius eingeschränkt, den wichtigen Reichstag zu Augsburg 1530 etwa konnte er nur aus der Ferne, auf der Feste Coburg, beobachten.

Wir können uns wahrscheinlich kaum vorstellen, unter welchem Druck Luther angesichts dessen über Jahrzehnte gelebt hat. Vielleicht erklärt sich von daher auch Luthers hohe Achtung geordneter politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse, seine tiefes Misstrauen gegen alles, was die politische Ordnung gefährdet, die Autorität der Obrigkeit unterminiert. Und vor diesem Hintergrund lassen sich selbst Luthers schauerliche Äußerungen im Bauernkrieg – wenn er die Obrigkeit auffordert, kräftig dreinzuschlagen gegen die aufständischen Bauern, und ihr zusichert, sie führe dabei Gottes Schwert – zwar sicherlich nicht entschuldigen, aber wenigstens verstehen: Selbst eine schlechte Ordnung war in seinen Augen besser als die Anarchie, die die Bauern nach seiner Überzeugung herbeiführten.
Ohne Zweifel also: Luther hatte „etwas auszuhalten“, er erlitt Verfolgung und Diskriminierung. Folgt man Gerhard Polt, war er also ziemlich „tolerant“. Aber natürlich hat Polt mit seiner „Definition“ den Sinn von Toleranz bewusst ins Gegenteil verkehrt. Toleranz im modernen Verständnis meint ja keineswegs, Verfolgung, Diskriminierung und Gewalt widerstandslos „auszuhalten“, hinzunehmen.

Tolerant bin ich vielmehr, wenn ich eine Meinung, Idee, Lebenspraxis, die ich für falsch, ja schädlich halte, nicht verfolge und diskriminiere, sondern es hinnehme, dass diese in meinen Augen falsche Meinung geäußert, diese schädliche Praxis unbehelligt gelebt wird. Toleranz setzt also nicht voraus, dass ich diese andere Meinung als irgendwie auch wahr, diese andere Praxis als irgendwie auch verantwortbar anerkenne. Und Toleranz verlangt nicht, dass ich auf ein Urteil über diese andere Meinung oder Praxis verzichte und alle Überzeugungen und Lebensformen für gleich gültig oder gar gleichgültig erachte.

Im Gegenteil wird Toleranz erst nötig und man sollte von Toleranz erst sprechen, wenn ich selbst eine starke Überzeugung habe und mit Überzeugungen konfrontiert bin, die ich aufgrund meiner eigenen Überzeugung ablehnen muss. Wenn ich tolerant bin, verzichte ich darauf zu verhindern, dass diese anderen Überzeugungen öffentlich geäußert werden, und akzeptiere, dass jemand, der diese anderen Überzeugungen vertritt, dadurch keine bürgerlichen oder wirtschaftlichen Nachteile erfährt.

Noch einmal gefragt: War Luther, waren die Reformatoren in diesem Sinne tolerant? Die Frage stellt sich, weil die Evangelische Kirche in Deutschland in der Reformationsdekade, die auf das große Reformationsjubiläum am 31. Oktober 2017 hinführen soll, das Jahr 2013 unter das Motto „Toleranz“ gestellt hat. Dabei scheint unterstellt zu sein, dass die Reformation eine besondere Nähe zur Toleranz hatte und die evangelische Kirche aufgrund dessen in besonderem Maße als Anwältin der Toleranz auftreten kann.

Nun, tolerant im modernen Sinn war Luther freilich zweifelsohne nicht. Und aufs Ganze gesehen, ging man in den reformatorisch gesinnten Gebieten mit ‚Abweichlern‘ kaum duldsamer um als in den katholischen. Vor allem die sog. Täufer mussten das immer wieder erleben. Das Schicksal von Fritz Erbe, der zuerst in Eisenach, dann hier auf der Wartburg viele Jahre inhaftiert war, weil er die Säuglingstaufe ablehnte, und wenige Schritte von hier elend zugrunde ging, ist nur ein besonders bedrückendes Beispiel dafür; sogar Philipp Melanchthon sprach sich für seine Hinrichtung aus.

Wie kann das sein?, fragen wir heute vielleicht verwundert. Wie kann das sein, dass eine Bewegung, die selbst unterdrückt und von Verfolgung bedroht ist, ihrerseits andere Meinungen unterdrückt und verfolgt? Wie kann das sein, dass Luther, der doch selbst wegen seiner abweichenden Position in die Rechtlosigkeit gestürzt und auf den Schutz seines Landesherrn angewiesen ist, Menschen, die von seiner Position abweichen, den Schutz entzieht? Oder, kurz gesagt: Wie konnten die Verfolgten zu Verfolgern werden?

Wir könnten es uns leicht machen und sagen: Hier waren die Reformatoren bedauerlicherweise ihrer Zeit verhaftet; aber mit der Grundidee der Reformation hatte das nichts zu tun. Doch so einfach ist es nicht. Denn die Unduldsamkeit hängt vermutlich mit Luthers reformatorischem Selbstverständnis selbst zusammen: Luther wollte ja keine neue Kirche neben der bestehenden Kirche gründen, sondern er wollte die eine Kirche reformieren gemäß der Einsicht, die sich ihm als der wahre Sinn des Evangeliums erschlossen hatte. Diese Einsicht – nämlich die Rechtfertigung allein aus Glauben unabhängig von den Werken – war nach seiner Überzeugung in der römischen Kirche verdunkelt und verdeckt worden. Luther hoffte, dass das Evangelium, wenn es jetzt wieder unverstellt verkündigt würde, erneut jene Leuchtkraft entwickeln werde, durch die die Kirche gleichsam von selbst zur Wahrheit zurückgeführt würde. Er hoffte im Übrigen auch, dass dann auch die Juden endlich das Evangelium erkennen und anerkennen könnten.

Er verstand seine reformatorische Einsicht also nicht als theologische These neben vielen anderen Thesen, sondern er verstand sie als eine Erkenntnis, die sich ihm beim Studium der Heiligen Schrift als alternativlose Wahrheit erschlossen hatte und die er deshalb kompromisslos vertrat – nicht weil er ein rechthaberischer Besserwisser war und sich für klüger hielt als die anderen, sondern weil er der Überzeugung war, dass diese Wahrheit nicht sein eigenes Produkt, sein eigenes Werk war, vielmehr ihn gewissermaßen von außen ergriffen hatte.

In Worms hatte er erklärt, dass er sich gebunden durch Gottes Wort wisse und daher außerstande sei zu widerrufen. Allerdings hat er nicht einfach widerstandslosen Gehorsam gefordert, sondern er war überzeugt, dass diese Einsicht für jeden, der mit wachen Augen die Bibel liest, nachvollziehbar und verständlich sein müsse, und in Worms bot er ja den Widerruf an, wenn ihm argumentativ nachgewiesen werden könne, dass er die Heilige Schrift falsch ausgelegt habe. (Dass er schon mit diesem Angebot das römisch-katholische System aus den Angeln hob, sei nur nebenbei erwähnt; denn er beanspruchte damit ja, selber darüber entscheiden zu können, ob ihm die Gegenargumente einleuchteten – die Autorität des Papstes spielte dabei überhaupt keine Rolle.)

Für Luther war nun klar: Diese Wahrheit musste er öffentlich verkündigen, unabhängig davon, ob dies der aktuell geltenden kirchlichen Lehre entsprach oder nicht. Er berief sich dafür nicht auf ein allgemeines Recht auf Religions- oder Meinungsfreiheit, sondern auf den Gehorsam gegen Gott, dem man mehr gehorchen muss als den Menschen. Dass er damit Widerspruch, ja Feindschaft hervorrief, beklagte er nicht als Verstoß gegen die Meinungsfreiheit, sondern interpretierte es apokalyptisch: Wo das Wort Gottes unverfälscht erklingt, da bäumt sich der Teufel noch einmal zum letzten Widerstand auf. Dass ausgerechnet der Papst ihn wegen seiner Verkündigung des Evangeliums verurteilte, las er daher als dämonisches Werk des Antichristen.

Wer so denkt, für den ist es, vorsichtig gesagt, eine große Herausforderung, dass nicht alle diese Überzeugung teilen, dass es also Leute gibt, die das Evangelium anders auslegen. Es geht dann nicht mehr nur um unterschiedliche Interpretationen, über die man streiten kann. Es geht vielmehr um Alles oder Nichts, Wahrheit oder Irrtum, Gott oder Teufel.

Allerdings (und hier kommen wir dem Thema Toleranz schon näher) hielt namentlich Luther mit allem Nachdruck daran fest, dass der Glaube nicht mit Gewalt ausgebreitet werden dürfe. Die Überzeugung, dass nur Gott selbst seiner Wahrheit zum Durchbruch verhelfen könne, durchzieht sein gesamtes Wirken. „Mit unsrer Macht ist nichts getan“, heißt es in der ‚Reformationshymne‘ „Ein feste Burg ist unser Gott“. Mit tiefem Misstrauen begleitet Luther die Versuche seiner Mitstreiter, ein politisch-militärisches Bündnis der reformatorisch gesinnten Herrscher zu schmieden. Als der Züricher Reformator Ulrich Zwingli 1531 in der Schlacht von Kappel zu Tode kommt, sieht Luther das als das konsequente Ende des verfehlten Weges, die Reformation mit Waffengewalt durchzusetzen.

Und auch der Aufenthalt auf der Wartburg, dessen Anfangs wir heute gedenken, endete aus diesem Grund: Gegen den Rat des Kurfürsten, der um seine Sicherheit fürchtete, eilte Luther im März 1522 nach Wittenberg zurück, als er hörte, dass der Mitreformator Andreas Bodenstein von Karlstadt die Reform der Kirche mit großer Eile und Rücksichtslosigkeit durchsetzte und damit in der Bevölkerung tiefe Unruhe erzeugte. Eine Woche lang predigte er täglich und setzte sich mit Karlstadt auseinander.

In diesen berühmten „Invocavit-Predigten“ stimmte Luther in der Sache Karlstadt in vielem zu: der Abschaffung der Messe, der Aufhebung der Fastengebote, der Einführung des Abendmahls unter beiderlei Gestalt, der Erlaubnis der Handkommunion usw. Die Reformen, so Luther, dürfen aber nicht überstürzt und gewaltsam durchgeführt werden, wenn die Gläubigen dadurch in Gewissensnöte kommen, weil sie etwa fürchten, durch Berührung der Hostie mit den Händen in schwere Sünde zu fallen. Die Reformen dürfen auch nicht zum neuen Gesetz gemacht werden, Kriterium bei ihrer Umsetzung muss die Liebe sein. Die Gläubigen müssen so darauf vorbereitet werden, dass sie die Veränderungen aus Überzeugung mitvollziehen, weil sie sie als biblisch begründet verstehen. Wo es keine eindeutige biblische Weisung gibt, z.B. bei den Bildern, lehnt Luther eine Reform ohnehin ab. Karlstadt wendete sich daraufhin von Luther ab, weil der ihm halbherzig, zögerlich und kompromisslerisch erschien, verließ bald darauf Wittenberg und zog sich nach Orlamünde zurück, wo er – heute würde man sagen – eine Art Basisgemeinde gründete.

Angesichts von Luthers Vorsicht bei der Umsetzung der Reformen ist es umso irritierender, dass er Andersdenkende durchaus nicht einfach gewähren ließ, in der Hoffnung, dass Gott ihnen die Wahrheit des Evangeliums schon noch erschließen werde, sondern sich aktiv für deren Unterdrückung einsetzte. Ein gutes Beispiel ist der Umgang mit Karlstadt selbst. Statt Karlstadt ungestört im abgelegenen Orlamünde wirken zu lassen, sorgten Luther und Melanchthon durch Intervention bei den Behörden dafür, dass er aus Kursachsen ausgewiesen wurde. Er durfte zwar zwischenzeitlich zurückkehren, freilich nur unter der Bedingung, sich nicht mehr öffentlich zu äußern. Als er sich daran nicht hielt, wurde er endgültig zur Emigration genötigt und fand erst nach längeren Wirren in Basel eine feste Bleibe und Anstellung.

Warum diese Unduldsamkeit? Vermutlich spielten zwei Gesichtspunkte die entscheidende Rolle:
Zum einen unterstellte Luther bei Karlstadt (wie übrigens auch bei den aufständischen Bauern) die Absicht, das Evangelium mit weltlichen Mitteln durchzusetzen, er unterstellte also – theologisch gesprochen – eine Verwechslung von Gesetz und Evangelium.

Zum andern aber teilte er offenkundig die Sorge, dass die Gemeindeglieder verwirrt würden, wenn am selben Ort, in derselben Region, unterschiedliche theologische Positionen vertreten wurden, und dass daraus Unsicherheit, Streit, gravierende Störungen des Zusammenlebens zu entstehen drohten. Ähnlich handelte im Übrigen einige Jahrzehnte später Johannes Calvin in Genf: Der Humanist Sebastian Castellio musste die Stadt verlassen, weil er über das alttestamentliche Hohelied eine andere Meinung vertrat als Calvin, und Calvin war der Überzeugung, dass dieser theologische Zwist die Bürger in ihrer Glaubensfestigkeit schwächen würde.

Dass religiöse Vielfalt das friedliche Zusammenleben vor Ort gefährdet, war in dieser Zeit eine gängige Vorstellung. Noch der Augsburger Religionsfrieden ist davon geprägt mit seinem Grundsatz cuius regio, eius religio: Der Landesherr bestimmt die Konfession aller seiner Untertanen, und wer dieser Konfession nicht angehören will, wird zwar nicht zum Konfessionswechsel gezwungen, muss aber auswandern. Wenn für die freien Reichsstädte die Möglichkeit der Koexistenz von Protestanten und Katholiken eingeräumt wurde, war dies eine aus politischen Gründen zähneknirschend akzeptierte Ausnahme und keineswegs die als Idealzustand gewünschte Regel. Dass die Stadt Augsburg etwa, aus der ich komme, heute die jahrhundertelang praktizierte „Parität“ – jedes städtische Amt wurde doppelt besetzt, mit einem Katholiken und einem Protestanten – als leuchtendes Vorbild für gelebten Pluralismus feiert, ist eine Rückprojektion heutiger Wunschvorstellungen in die Vergangenheit; damals sah man es durchaus anders.

Beim Umgang mit den Täufern (um wieder zu Luther zurückzukehren) kam noch etwas anderes hinzu: Die reformatorisch gesinnten Herrschaftsgebiete befanden sich seit dem Wormser Edikt in einem Zustand notorischer Illegalität. Die katholischen Gegner versuchten ohnehin zu zeigen, dass die Verweigerung des kirchlichen Gehorsams unmittelbar ins politisch-moralische Chaos führe, zumal in der Rechtfertigungslehre die Werke ja erklärtermaßen keine Rolle mehr spielten: Bei den Reformatoren, so schloss man, darf man machen, was man will. Natürlich taten die Reformatoren und die reformatorisch gesinnten Herrscher alles, um diesem Eindruck entgegenzutreten; sie wollten ja auch vor dem Kaiser als treue und verlässliche Untertanen gelten. Nun gehörte die Säuglingstaufe zu den anerkannten Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens; außerdem lehnten viele der Täufer die weltliche Ordnung ab und erklärten es für unchristlich, sich an den Aufgaben der Obrigkeit zu beteiligen. Wenn die Reformatoren dies akzeptiert oder auch nur geduldet hätten, hätten sie der katholischen Propaganda den gesuchten Grund geboten, sie als unzuverlässig, rechtsbrecherisch und die Ordnung zerstörend zu denunzieren.

Natürlich kann das den Umgang mit Fritz Erbe, die Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung Andersgläubiger durch die Reformatoren nicht entschuldigen. Es ist auch wohl nicht so, dass die Reformatoren ‚toleranter‘ gewesen wären, wenn sie nicht unter der kritischen Dauerbeobachtung durch die Katholiken gestanden wären. Sie waren überzeugt, das Richtige zu tun, wenn sie gegen die Täufer einschritten (nur über das Strafmaß war man sich uneins: Der sächsische Kurfürst war für die Todesstrafe, Philipp von Hessen hielt sie für unangemessen). Sie sahen darin keinen Widerspruch zur reformatorischen Lehre, und sie standen in dem Dilemma, dass sie mit der Duldung der Täufer vielleicht das Überleben der reformatorischen Bewegung gefährdeten.

Aus der historischen Distanz freilich, liebe Gemeinde, können wir den Widerspruch zwischen der reformatorischen Lehre und dem Umgang mit Andersdenkenden nicht übersehen. Zurecht lässt uns das Schicksal Fritz Erbes als Christenmenschen nicht kalt. Mit guten Gründen hat der Lutherische Weltbund (in dessen Rat Frau Berlich und ich Mitglied sind), die weltweite Gemeinschaft der lutherischen Kirchen, daher auf seiner Vollversammlung 2010 in Stuttgart in einem beispiellosen Akt die mennonitische Kirche, die sich auf die Täufer des 16. Jahrhunderts beruft, um Vergebung für die Verfolgung ihrer Vorfahren durch Lutheraner gebeten.

Dieser Akt verdankt sich nicht allein der sozusagen allgemeinmenschlichen Beschämung über die Verletzung der Menschenwürde, die den Täufern widerfahren ist. Er verdankt sich vielmehr vor allem einer präzisen theologischen Erkenntnis: Die reformatorische Einsicht, dass das Evangelium, wie es im Augsburger Bekenntis (Art. 28) heißt, „nicht durch menschliche Gewalt, sondern [allein] durch das Wort“ der Verkündigung ausgebreitet werden kann (sine vi humana, sed verbo), diese Einsicht muss Konsequenzen haben für das Verständnis des menschlichen Zusammenlebens. Das Evangelium zielt hin auf Glauben, und Glauben schließt Verstehen ein und gedeiht nur, wenn ich dem frei zustimmen kann, was ich verstanden habe. Wenn das so ist, dann darf die Zustimmung zum Evangelium nicht durch sozialen Druck erzeugt werden, dann gehört, m.a.W., Religionsfreiheit zu den Bedingungen rechter Verkündigung. Noch einmal anders gesagt: Die Kirchen müssen um ihrer eigenen Verkündigung willen wollen, dass Religionsfreiheit herrscht, dass alle religiösen oder auch nichtreligiösen Überzeugungen frei geäußert werden dürfen und umgekehrt niemand gegen seinen Willen oder ohne seine freie Zustimmung zur Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft gezwungen werden kann. Dies schließt notwendig Toleranz ein: Die Kirchen müssen um ihrer selbst willen dafür eintreten, dass auch jene Überzeugungen artikuliert werden können, die sie selbst für falsch halten.

Das haben die Kirchen nicht sofort erkannt. Im Gegenteil haben sie sich lange dagegen gesträubt und die Religionsfreiheit als Inbegriff eines säkularen, religionsfeindlichen Geistes bekämpft: Warum sollte, so wurde gefragt, der Irrtum das Recht haben, öffentlich in Erscheinung zu treten und die Menschen zu verwirren? Erst in einem langen geschichtlichen Lernprozess haben die Kirchen (übrigens auf ihre Art auch die katholische) gelernt, dass die dem Evangelium gemäße Art der Aneignung, wie gesagt, der auf freier Zustimmung gründende, verstehende Glaube ist und dass eine pluralistische, tolerante Gesellschaft dafür möglicherweise der bessere Nährboden ist als eine (zumindest nominell) religiöse Einheitskultur.

Diese Einsicht, liebe Gemeinde, kann sich auf Impulse der Reformation berufen, wenngleich sie in der Reformation selbst noch nicht voll zur Geltung gekommen ist. Wir müssen dann nicht gleich behaupten, dass die Reformation die Mutter des Toleranzgedankens gewesen sei – das war sie sicher nicht. Aber wir brauchen uns auch nicht einreden zu lassen, dass Toleranz der Christenheit erst von außen beigebracht werden musste. Der Gedanke, dass das Evangelium nicht zwingt, sondern überzeugt, ist ein genuin reformatorischer Gedanke. Der Theologe Eberhard Jüngel hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass der Apostel Paulus seine Verkündigung einmal als Bitte beschrieben hat. Im 2. Korinterbrief schreibt er nämlich: „So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2 Kor 5,20) Anders als mancher autoritäre Charakter denken mag, ist die Bitte keine schwächere, um nicht zu sagen: laschere Form der Aufforderung, sondern die denkbar intensivste: Sie nimmt den Anderen ernst, und einer Bitte zu entsprechen, erfordert die innere, ja innige Anteilnahme an der Absicht des Bittenden. Ja, häufig erreicht die Bitte das gleichsam von selbst, was die Aufforderung nie erreichen würde, weil diese Widerwillen und Widerstand erzeugt. Wer bittet, respektiert und schafft zugleich jenen Raum der Freiheit, der die ungezwungene Zustimmung ermöglicht. Wenn das Evangelium bittet, befreit es uns zum freudigen „Ja“. Diese Freiheit verleihe Gott uns allen.
Amen.