Zur Auseinandersetzung über Migration und deutsche Kultur

Vortrag auf der 13. Tagung der 4. Kreissynode am 2.11. 2018 - Superintendent Ralf-Peter Fuchs

Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben – Überlegungen zur Auseinandersetzung um Migration und kulturelle Identität.

 

1. Bibel und Politik

 

Es heißt: Die Kirche ist gegen Intoleranz, Antijudaismus, Rechtspopulismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und antidemokratische Tendenzen. Das ist nicht falsch. Aber es reicht nicht, wenn wir uns als Kirche lediglich einfinden auf humanistischen Allgemeinplätzen. Wir müssen als Kirche unsere biblischen Begründungszusammenhänge kenntlichmachen. Tun wir das nicht, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir nur noch als links-liberale Bewegung wahrgenommen werden. Wir haben eine christliche Botschaft, die uns viel Freiraum gibt, die uns aber auch bindet. Ich nenne zunächst drei biblische Überzeugungen, die mir im Blick auf gegenwärtige Auseinandersetzungen bedeutsam erscheinen.

 

a.) Die Gottebenbildlichkeit des Menschen: Die Erschaffung des Menschen zum Bilde Gottes steht in der Schöpfungsgeschichte (1. Buch Mose 1.26-27). Sie hat einen universalen Anspruch. Sie gilt für alle Menschen – als Mann und als Frau. Niemand ist hier ausgeschlossen. Der Begriff der Gottebenbildlichkeit ist mindestens verwandt mit dem Begriff der Menschenwürde.[1]

 

Es ist damit aus christlicher Sicht nicht akzeptabel, wenn Menschen als „Pack“ bezeichnet werden, wie von einem Vertreter der Sozialdemokratie geschehen; wenn davon geredet wird, eine politisch Andersdenkende „zu entsorgen“, wie von einem Vertreter der AfD geschehen; wenn Menschen an symbolischen Galgen aufgehängt werden, wie von Pegida-Anhängern geschehen; wenn Frauen in den Schritt gefasst wird – wie von Asylbewerbern aus Nordafrika in der Silvesternacht in Köln geschehen; oder wenn Menschen das Dach überm Kopf angezündet wird – wie an anderen Orten geschehen. Es gibt aus christlicher Sicht keine Möglichkeit, das eine oder andere zu bagatellisieren.  Der gelegentliche Versuch würdeloses Reden mit der Notwendigkeit, mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, zu entschuldigen, hat etwas Perverses. Wer so redet, wer so handelt, macht sich schuldig – wer solches Reden und Handeln akzeptiert auch.

 

b) Die Sündhaftigkeit des Menschen. Man nehme als zentralen Text die Geschichte vom sogenannten Sündenfall im 1. Buch Mose 2. 4b bis 3. 24. Gemeint ist kein urzeitliches Ereignis, sondern ein jederzeitiges Geschehen mit universaler Geltung. Es geht um die grundsätzliche Verführbarkeit und Fehlbarkeit eines jeden Menschen. Jeder Mensch ist zum Guten befähigt und zum Bösen verführbar.

 

Diese biblische Grundüberzeugung schließt es aus, dass Wertungen wie „gut“ und „böse“ auf bestimmte Völker, Nationen, Religionen oder auch Flüchtlingsgruppen aufgeteilt werden. Sie schließt es aus, Völker, Nationen oder Religionen mit Schuldzuschreibungen zu belegen. Ausgeschlossen ist auch die Vermutung, wesenhaft besser zu sein, als andere. Einige der schlimmsten Abgründe der Menschheitsgeschichte haben mit diesem Irrweg zu tun. Ein Verbrechen ist ein Verbrechen, Schuld ist Schuld, unabhängig welcher Nation oder Religion jemand angehört oder welcher politischen oder soziologischen Gruppe jemand zugehört.

 

c.) Verantwortung zur Nothilfe – Der maßgebende Text: das Doppelgebot und die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Die Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter illustriert im Lukasevangelium das höchste Gebot der Gottes- und Nächstenliebe (Lk 10. 25-37): Man kann davon ausgehen, dass Jesus sehr bewusst einen Samariter als Beispiel für die gelebte Umsetzung des Gebotes gewählt hat, einen Vertreter einer Volksgruppe also, die den Juden auch auf Grund einiger Vorfälle in der damaligen Zeit besonders verhasst waren.

 

Die Beispielgeschichte hat damit eine Volksgruppen und religiöse Gruppen überschreitende Zielrichtung. Es geht hier nicht um jüdisch-religiöse Kultur, sondern um einen universalen Anspruch an das Menschsein. Wo mir die Not eines Mitmenschen konkret begegnet, bin ich zur Hilfe aufgerufen.[2]

 

Die Hilfe für einen Menschen, der in Not geraten ist, insbesondere wenn ihm Gefahr für Leib und Leben droht, gehört zu den grundlegenden christlichen Überzeugungen.

 

Die Gottesebenbildlichkeit, die Verführbarkeit eines jeden Menschen zum Bösen und die Hilfe für Menschen, die in Not geraten sind – das sind Grundüberzeugungen der Christenheit. Sie sind nicht verhandelbar. Es sind keine Überzeugungen neben anderen möglichen Überzeugungen, kein Material für Kompromisse. Hier gilt Eindeutigkeit: Es steht geschrieben!

 

Diese Überzeugungen können in Spannung treten zu anderen Überzeugungen, sie können durch konkrete Situationen in Frage gestellt werden, wir können an ihnen versagen und doch sollen sie genau in diesen Situationen bewährt werden und umso höher gehalten werden.

 

Was tragen diese Überzeugungen aus, für gegenwärtige politische Streitthemen?

 

2. Das Recht auf Asyl,  der Streit um Zuwanderung und die Angst vor kulturellem Identitätsverlust

 

Das Recht auf Asyl kann verstanden werden als konkrete Ausformung des Gebotes, Menschen, denen Gefahr für Leib und Leben droht, zu helfen. Es geht zurück auf die im 2. Buch Mose (Kapitel 21. 13) erwähnten Freistätten oder Schutzräume für Menschen, die von der Blutrache bedroht waren.  In Europa waren lange Zeit vor allem Klöster und Missionsstätten anerkannte Asylstätten. Es geht beim Asyl nicht allgemein um Zuwanderung oder Migrationsprozesse, sondern um die konkrete Hilfe für Menschen, denen in ihren Heimatländern aus politischen Gründen Gefahr für Leib und Leben droht.

 

Ich mache einen Schnitt. Ich stelle mir vor: Zwei Menschen sitzen jeweils vor ihrem Fernseher. Beide schauen einen Bericht über die Ankunft von Flüchtlingen. Der eine sieht vor allem Frauen und Kinder- sicherlich auch Männer. Er hat die Bilder des zerstörten Aleppo im Kopf. Er sieht Menschen, die aus lebensbedrohlichen und menschenverachtenden Zuständen geflohen sind. Er sieht Menschen, die Asyl brauchen. Er sieht Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit.

 

Und da sitzt ein anderer vor dem Fernseher. Er sieht dieselben Bilder. Der andere sieht vor allem Männer – sicherlich auch Frauen und Kinder. Er sieht ihre Andersartigkeit. Er sieht Menschen, die in die sozialen Errungenschaften des „goldenen Westens“ einwandern wollen. Er sieht Menschen, die die Errungenschaften des „goldenen Westens“ zerstören wollen. Er spürt eine Gefahr für die eigene Kultur. Er sieht Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit.

 

Der Erste wird sich in seiner Wahrheit bestätigt fühlen, wenn er Flüchtlinge kennenlernt, die ihm von ihrer alptraumhaften Odyssee und den Zuständen ihrer Heimat erzählen. Der Zweite wird sich in seiner Wahrheit bestätigt fühlen durch die Berichte von Attentätern und kriminell Gewordenen, die mit den Flüchtlingsströmen kamen und um Asyl gebeten hatten.

 

Dem Einen geht es um seine Werte, auch um seine Überzeugung, Menschen in Not zu helfen. Dem Anderen geht es um seine Angst und Sorge um die Kultur, in der er lebt und die er liebt.

 

Wenn die beiden sich eines Abends begegnen, droht ein unversöhnlicher Streit. Sind beide Positionen, beide Sichtweisen unversöhnlich?

 

Ich mache einen Exkurs, einen Ausflug ins Thema „Deutsche Kultur“. Es gibt in der Regel eine Einigkeit, dass die Kultur Tibets schützenswert sei. Es gibt in der Regel eine Einigkeit, dass die Kultur der Sorben schützenswert sei. Ist dann auch deutsche Kultur schützenswert? – und gegen wen? Und was ist eigentlich „deutsche Kultur“? Menschen aus den alten und den neuen Bundesländern sind sich in der Regel einig, dass es so etwas gab wie eine ostdeutsche und eine westdeutsche Kultur, eine ostdeutsche und eine westdeutsche Prägung. Wenn dann Ossis und Wessis ihre jeweiligen Kulturen beschreiben sollen, landet man entweder bei Idealisierung und Verklärung oder aber beim Ampelmännchen und dem Geruch von Westkaffee. Die Sache ist nicht leicht.

 

Offensichtlich kann man kulturelle Prägung vor allem ahnen, spüren, fühlen, aber in ihrer Vielschichtigkeit kaum beschreiben. Kultur ist offensichtlich das hochkomplexe Ergebnis eines beständigen Aushandlungsprozesses, an dem jeder, aber auch jeder beteiligt ist mit dem, was er erinnert, dem, was er lebt, und dem, was er vorhat.

 

Ob eine Pizzeria zur deutschen Kultur gehört, entscheidet sich mit jedem, der sie besucht. Ob Friedrich Lux noch zur deutschen Kultur gehört, entscheidet sich mit jedem, der ihn vergisst.

Vielleicht ist die Kultur eines Landes, einer Region… die demokratischste Hervorbringung, die wir haben. Hier hat jeder eine Stimme und auch die Toten reden mit.[3]

 

Kultur ist damit immer in Veränderung, in aller Regel langsam, aber permanent. Aber offensichtlich gibt es eine Geschwindigkeit kultureller Veränderungen, bei denen Menschen das Gefühl haben, ihre Stimme wird nicht mehr gehört und sie wären am Aushandlungsprozess nicht mehr beteiligt. Offensichtlich gibt es ein Tempo in der Erosion traditioneller Lebensvorstellungen, die Menschen nur noch als anmaßenden Eingriff in ihre kulturelle Identität erleben und als Beschneidung ihres Rechts auf Mitbestimmung bei der Gestaltung ihres kulturellen Lebensumfeldes.

 

Die Migrationsströme der vergangenen Jahre sind zweifellos eine erhebliche Herausforderung für eine Kultur. Und jeder der zu uns kommt, sitzt fortan mit am Aushandlungstisch der Kultur unseres Landes.

 

Aber man muss auch sehen: Diejenigen, die zu uns kommen, sind nur ein einzelnes Element zahlreicher tiefgreifender kultureller Veränderungen bei uns. Es kann auch sein, dass die konkret erfahrbare Veränderung durch Migration deutlich geringer ist, als die tatsächliche Veränderung unserer Kultur durch Digitalisierung, Globalisierung und Ökonomisierung.

 

Aber die „Fremden“, die zu uns kommen sind zum Symbol geworden für all das „Fremde“ das in hoher Geschwindigkeit ehemalige kulturelle Selbstverständlichkeiten in Frage stellt. Die Fremden sind zum Symbol geworden für das, was einem fremd geworden ist. Allein das bringt manche Sachdiskussion über Migration gelegentlich an die Grenze der Unmöglichkeit. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob tatsächlich die Migration hier die größere Herausforderung für unsere Kultur ist, oder nicht viel mehr die Art und Weise, wie in unserem Land über dieses Thema gelegentlich geredet und gestritten wird.

 

Kultur ist immer in Veränderung. Veränderungen sind immer reich an Konflikten. Aber es gibt eine Geschwindigkeit kultureller Veränderungen bei denen Menschen in ihrer Anpassungsfähigkeit überfordert sind. Diese Überforderung wird dann als Infragestellung der eigenen kulturellen Identität erlebt.

 

Die Sorge um die eigene kulturelle Identität als rechtspopulistisch abzutun, ist nicht verantwortlich. Es hilft auch wenig, beständig dazu aufzufordern, „die Sorgen und Ängste der Menschen ernst zu nehmen“. Allein der Blick auf die „Ängste“ macht die Sache noch nicht besser. "Wir kommen nie aus den Traurigkeiten heraus, wenn wir uns ständig den Puls fühlen.", sagt Luther.

 

Im Ringen um kulturelle Identität hilft vornehmlich, dass man das, was mal liebt und für liebenswert hält, beherzt in den kulturellen Aushandlungsprozess einbringt. Und wenn wir als Christen nicht wollen, dass die Rede vom christlichen Abendland zur historischen Erinnerung verkommt, dann gelingt das vornehmlich dadurch, dass wir als Christen beherzt das, wofür wir stehen und was wir lieben, in die Kultur unseres Landes eintragen. Erkennbarkeit ist gefragt. Was können wir einbringen?

 

3. Bekenntnis oder Toleranz?

 

Toleranz und Anerkennung der Pluralität in der Gesellschaft sind ein hoher Wert für einen weltanschaulich neutralen Staat. Als Kirche kann man dies nur dankbar achten.

 

Etwas anderes aber ist es, wenn es heißt: Kirche steht für Toleranz und Pluralität. Ist das so? Steht die Kirche dafür oder könnte es sein, dass sie damit fällt?

 

Wer aus der Glaubensgewissheit lebt, dass Christus der Herr ist, kann diese Gewissheit nicht an runden Tischen zur freien Verhandlungsmasse erklären. Wer daraus lebt, dass Christus „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist, vermag diese Wahrheit nicht einer Pluralismusforderung zu opfern. Wenn alles gleich gültig ist, droht Gleichgültigkeit. Die Toleranzforderung hat eine Tendenz zum ideologischen Eintopf. Die unterschiedslose Anerkennung anderer Überzeugungen gibt den Raum frei für jede Art von Machtwillen und Fanatismus.

 

Es heißt: Pluralismus und Toleranz sollen helfen, Konflikte zu vermeiden. Aber ohne Jesu Mut zum Konflikt hätten wir vermutlich kein kraftvolles Evangelium in der Hand, sondern nur ein laues Kompromisspapier. Das Beste, was Kirche und was Christen in die derzeitigen Diskussionen einbringen können, ist ein klares Reden von dem, was wir als Christen lieben, ein Handeln aus dem, was uns aufgetragen ist und ein Bekennen von dem, was unserem Glauben Gewissheit und festen Grund gibt.

 

Man rettet auch eine Kultur nicht durch das, wozu man „Nein“ sagt, sondern vornehmlich dadurch, indem man lebt, wozu man „Ja“ sagt. Jesu Wahrheit wird nicht in die Kultur eines Landes eingetragen, indem man die christlichen Wurzeln des Abendlandes erörtert, sondern in dem man christliche Überzeugungen lebt.

 

Das Toleranzgebot des Staates ist nur sinnvoll, wenn es verschiedene Überzeugungen gibt. Toleranz ersetzt also nicht Überzeugung, sonders sie setzt gelebte Überzeugung voraus

 

Wer Überzeugungen hat, dem ist nicht alles gleich gültig. Im Blick auf die Voraussetzungen für ein gelingendes Leben auf dieser Erde gibt es eine offene Parteilichkeit und eine fröhliche Intoleranz.

 

Aber die Intoleranz muss für uns Grenzen haben. Wir können in der Sache streiten, aber es gilt – ohne Kompromisse – die Achtung vor der Person des Anderen. Die Gottesebenbildlichkeit gilt auch für den politischen Gegner und den religiös Andersdenkenden. Der Streit um das, was dem Leben dient, braucht keine Verneigung vor zerstörerischen Überzeugungen, aber es braucht die Verneigung vor dem Menschen, mit dem ich um des Lebens willen streiten muss. Man kann dies auch als Minimalauslegung des Gebotes zur Feindesliebe lesen. Da, wo wir dieser Achtung vor der Person des anderen untreu werden, beginnen wir auch unseren christlichen Überzeugungen untreu zu werden.[4] Da, wo wir den anderen achten, können wir in der Sache auch gut streiten.

 

4 Und er schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! (Lukas 18. 13) – über die Würde eines Schuldeingeständnisses.

 

Immer, wenn es um die kulturelle Identität Deutschlands geht, kommt man früher oder später auf das dritte Reich und den Holocaust. Kann man auf diesem Hintergrund nur noch von einer auf immer gebrochenen deutschen Identität reden? Haben wir auf immer unsere Würde verloren?

 

Ich bin gerne Deutscher. Ich liebe Deutschland. Es gibt für mich dafür mindestens zwei Gründe:

 

Der eine Grund macht es mir einfach: Ich gehöre gerne zu einem Volk, das in seiner Geschichte so wundervolle klangvolle Namen vereint wie Luther, Goethe, Bach, Beethoven, Heine, Mendelsohn-Bartholdy, Tucholski, Brecht, Einstein, Max Plank oder Martin Buber. Und ich nenne bewusst hier auch jüdische Menschen. Es sind Namen, die für unsere deutsch-jüdischen Geschichte stehen. Ich bin gerne ein Kind dieser Geschichte.

 

Und der zweite Grund, warum ich gerne ein Deutscher bin, auch wenn er nicht so einfach ist, ist der folgende:

 

Ein großer Teil unseres Volkes hat sich der Schuld des Dritten Reiches und des Holocaust gestellt. Wir haben dies nicht zu allen Zeiten getan und es war auch nicht zu allen Zeiten die Mehrheit, die dazu bereit war. Aber es gibt und gab einen breiten Strom in der Mitte unseres Volkes, der sich der Schuld gestellt hat, die Gedenkstätten errichtet haben, die Opfer geehrt haben, Mahnmahle aufgestellt haben, verborgene Geschichten freigelegt haben, die Vergebungsbitte an das jüdische Volk herangetragen haben und um Versöhnung mit den Völkern gerungen haben.

 

Wenn es die Würde der Unschuld eines Volkes gibt, dann haben wir als Deutsche die Würde der Unschuld für alle Zeiten verloren Aber es gibt auch die Würde eines Volkes, die im Eingeständnis seiner Schuld liegt. Auch im Eingeständnis der Schuld liegt eine Würde. Es gibt eine Würde, die darin liegt, nichts kleinzureden, nicht wegzuschauen, nichts zu bagatellisieren, nicht andere zu Sündenböcken zu machen, sondern zu sprechen: Es ist geschehen durch das Volk, zu dem ich gehöre: Herr, erbarme dich.

 

Diese Würde des Schuldeingeständnisses will ich mir nicht nehmen lassen von denen, die glauben nur im Wegschauen und Kleinreden ließe dich die Würde eines Volkes behaupten. Man kann keine neuen Wege gehen, wenn man sich für die alten Wege als unzuständig erklärt.

 

Das betrifft auch uns als Evangelische Kirche. Im kommenden Jahr jährt sich zum 80igsten Mal die Gründung des „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ in Eisenach. Das ist ein guter Anlass auch diesen Teil unserer kirchlichen Geschichte in den Blick zu nehmen. Geplant sind:

 

  • ein wissenschaftliches Symposium unter Federführung der Universität Jena auf der Wartburg zum Thema „Kirche und Antisemitismus“
  • die Errichtung eines Mahnmals am Eingang der Bornstraße, in der sich das Institut befand
  • die Eröffnung einer Sonderausstellung im Lutherhaus im Zusammenhang mit einer Festwoche unter Beteiligung der Achava- Festspiele u.a. mit einem Gottesdienst des Leipziger Synagogalchores und Margot Käßmann
  • die Erneuerung der 1940 in der Georgenkirche als Folge der Arbeit des „Entjudungsinstitutes“ entfernten alttestamentlichen Emporensprüche
  • Die Herausgabe eines Buches mit Predigten der seit Jahren laufenden Predigtreihe „Das Wort sie sollen lassen stahn“, in deren Rahmen die entfernten alttestamentlichen Emporensprüche von zahlreichen Prominenten ausgelegt wurden

 

Da mindestens 11 deutsche Landeskirchen an der Gründung beteiligt waren, wird zu den Veranstaltungen EKD-weit eingeladen.

 

Diese Veranstaltungen sind nicht dazu geeignet, uns aus dem gemütlichen Sessel der historischen Distanz zum Richter über damalige Akteure aufzuspielen. Sie sind aber geeignet, uns zu unserer deutsch- jüdischen und christlich-jüdischen Geschichte zu bekennen. Aber sie können auch helfen, wach zu werden für unsere jederzeitige Verführbarkeit. Wer kann sich schon sicher sein, angesichts der Herausforderungen einer Zeit nicht in die Irre zu gehen.

 

5. Asylrecht wahren, Einwanderung begrenzen– Forderungen an die Politik

 

Will man einerseits das Menschenrecht auf Asyl erhalten, andererseits aber die kulturellen Veränderungsprozesse einer Gesellschaft nicht überfordern, dann braucht es eine klare Unterscheidung zwischen Asylrecht und Einwanderungsrecht.

 

Solange Zuwanderung nach Deutschland für die, die nicht genügend Geld haben, nahezu nur über einen Asylantrag laufen kann, wird irgendwann das Recht auf Asyl nachhaltig beschädigt. Man kann das jetzt schon sehen, wenn die Begriffe  „Asylanten“ und „Migranten“ nahezu synonym gebraucht werden. Es braucht neben einem europäischen Asylgesetz ein länderspezifisches Einwanderungsgesetz. 

 

Asylrecht heißt:  Menschen, denen aus politischen Gründen Gefahr für Leib und Leben droht, haben ein Recht auf Asyl. Hier kann es keine Obergrenzen geben, wohl aber einer Verpflichtung zur Fairness in der Verteilung zwischen den Ländern, die sich als Wertegemeinschaft verstehen. Das Recht auf Asyl ist grundsätzlich befristet. Es gilt solange, wie die Gefahr für Leib und Leben im Herkunftsland gegeben ist.

 

Wer nach dieser Zeit bleiben will, für den gelten die Regeln eines Einwanderungsrechtes. Es gibt aber keinen Automatismus vom Asylrecht unter das Einwanderungsrecht zu fallen.

 

Einwanderungsrecht könnte heißen: Wer einwandern will, kann einen Antrag auf Einwanderung stellen. Jedes Land hat das Recht über Anzahl und Voraussetzungen zur Einwanderung zu entscheiden. Jedes Land muss die Bedingungen, die für eine Integration unerlässlich sind formulieren, ermöglichen und abfordern. Einwanderung gilt tendenziell unbefristet.

 

Für beide Gruppen gilt das alte Gebot aus den Mosebüchern: Ein und dasselbe Gesetz gelte für den Einheimischen und den Fremdling, der unter euch wohnt. (2.Mose 12,49)

 

6. „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“

 

Diejenigen, die mit den Migrationsströmen nach Europa drängen, haben nur zu einem vergleichsweise kleinen Teil asylrelevante Gründe, aber sie haben Gründe. Oft sehr nachvollziehbare Gründe.

 

Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten lernen müssen, dass es im Blick auf die Natur, die Wirtschaft, die Finanzwelt nicht mehr reicht lokal zu denken. Alles hängt mit allem zusammen. Man kommt um globale Lösungen nicht herum.

 

Jetzt bekommen wir die sozialen Fragen dieser Welt auf den Tisch. Und die globalen ungelösten sozialen Probleme treffen auf unsere eigenen ungelösten sozialen Probleme, wie die immer größer werdende Schere zwischen arm und reich.

 

Diese sozialen Konflikte lösen wir nicht dadurch, dass jeder, der sich bei uns ein besseres Leben erhofft, auch zu uns kommen kann. Wir lösen sie aber auch nicht dadurch, dass man die Grenzen dicht macht und mit verschränkten Armen abwartet, was als Nächstes geschieht.

 

Das Engagement für „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ ist nicht eine der Vergangenheit angehörende Bewegung der 80iger und 90iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, sie ist eine globale Zukunftsfrage der Menschheit und eine Überlebensfrage. Hier hat die Christenheit Wesentliches eingebracht, hier hat sie Wesentliches auch weiterhin zu sagen, denn: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, spricht Christus.

 

 

 

 

 

[1]   Die „Gottebenbildlichkeit“ wird gelegentlich synonym gebraucht zur „Würde des Menschen“. Das mag für ein erstes Verständnis angehen, es gibt hier Überschneidungen, auch wenn das, was Gottebenbildlichkeit meint, deutlich über das hinausgeht, was „Würde des Menschen“ meint.    

[2] Hintergrund des Textes ist auch ein Streit, um die Reichweite des Liebesgebotes. Wer „der Nächste“ ist, wurde unterschiedlich definiert, einige beschränkten den Begriff „Nächster“ auf die eigenen Volksgenossen, einige schlossen religiöse Gegner oder persönliche Gegner aus. Jesus beantwortet die Frage nicht durch weitere theoretische Grenzziehungen oder deren Aufweichung, sondern mit dem konkreten Einzelfall. Wenn dir ein Mensch begegnet, der in Not ist, hilf ihm. Du bist sein Nächster.

[3] Ich verwende hier einen beschreibenden Kulturbegriff und keinen normativen. Bei einem normativem Kulturbegriff würde manches eher „kulturlos“ sein, was in einem beschreibenden Begriff wertungsfrei zu Kultur gehört.

[4] Es braucht wohl auch ein zweites: Die Wissen um die eigene Fehlbarkeit. Ich meine nicht eine Fehlbarkeit Christi oder ein Fehlbarkeit dessen, was uns als Offenbarung gegeben ist, wohl aber eine Fehlbarkeit in dem, was wir davon verstanden haben und noch mehr, unsere menschliche Fehlbarkeit aus dieser Wahrheit zu leben. Man kann streiten, man muss streiten, aber es braucht die Größe der Demut, dass Gottes Liebe größer ist als das, was wir schon begriffen haben.